RTL und der Ausstieg aus der Formel 1: Ein historischer Fehler?

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Nach Jahrzehnten beendet der Kölner Sender RTL nun seine Formel 1-Übertragungen. Obwohl mit Sebastian Vettel jahrelang mindestens ein Spitzenfahrer im Feld unterwegs war, ist das Interesse an dem Sport in Deutschland nicht unbedingt gestiegen. Ist also der Rückzug des Senders aus der “Königsklasse” des Motorsports am Ende nur konsequent? 2020 ist nicht mehr 1970, aber auch nicht mehr 1990. Der Zeitgeist hat sich dramatisch verändert: Der Klimawandel ist omnipräsent, ebenso Greta Thunberg und auch insgesamt hat sich die Welt weitergedreht. Die Rahmenbedingungen für den Motorsport insgesamt sind alles andere als optimal. Wenn man sich Deutschland als Autofahrer- und Motorsportland ansieht, so muss man einen Namen nennen: Michael Schumacher. Dieser Fahrer ist es gewesen, der die Formel 1 in Deutschland zu einem Massenphänomen gemacht hat. Es hört sich vielleicht fatalistisch an, aber mit dem Karriereende von Michael Schumacher ging auch die goldene Ära der Formel 1 in Deutschland zu Ende. Sebastian Vettel war nie ein Michael Schumacher, konnte niemals die Massen so sehr mobilisieren wie sein Fahrerkollege. Dabei kann man Vettel auch keine Erfolglosigkeit vorwerfen, was seine Weltmeistertitel eindrücklich belegen. Der Heppenheimer ist aber als Person zu diffus geblieben. Mich erinnert Vettel immer an eine Mischung aus Goofy und Facebook-Chef Mark Zuckerberg. Zu unnahbar, zu wenig charismatisch, zu widersprüchlich. An diesen Punkten hat auch seine Zeit bei Ferrari nichts geändert, ganz im Gegenteil. Dort, wo Schumacher zur unsterblichen Legende wurde, mutierte Vettel zum Expendable – zum Ersetzbaren. Doch Vettel ist persönlich natürlich nicht schuld an den Entwicklungen, er ist (hoffentlich) lediglich er selbst. Aber es gab ja auch andere Fahrer: Niko Hülkenberg, Timo Glock, Nick Heitfeld, Adrian Sutil und noch ein paar andere. Diese Fahrer waren allesamt sicherlich nicht schlecht, aber sie waren wahrscheinlich nicht gut genug für ein Cockpit in einem Topteam. Außerdem teilen sie eine Eigenschaft mit Sebastian Vettel: Sie waren so aufregend, wie eine Dose Erbsensuppe. Waren das wirklich die besten Fahrer, oder haben andere einfach kein Glück mit den Sponsoren gehabt? Aber auch die Formel 1 an sich unterlag einem stetigen Wandel. Allein die Tatsache, dass in den Autos nun V8-Motoren ihren Dienst tun, sagt schon Vieles. Die ungebremste Kostenexplosion hat den Leistungscharakter der Rennklasse deutlich in Richtung eines Budget-Wettbewerbs verschoben und vieles kaputtgemacht. Ein anderer Aspekt sind Einführungen von Systemen wie KERS und DRS, Regelpeinlichkeiten wie die Tracklimits und als Stilblüte: die Abschaffung der Gridgirls. Das also soll noch die Formel 1 sein? Sie ist es natürlich, aber sollte sie so aussehen? Will das ein Motorsportfan sehen, oder hat man sie bereits millionenfach vergrault? Danke, Liberty Media… Nun kommen wir aber zurück zur eigentlichen Fragestellung. War der Ausstieg von RTL nun konsequent gedacht, oder ein historischer Fehler? Die oben genannten Sachverhalte existieren nicht seit gestern, waren im Gegenteil längst bekannt. Warum zogen also die Verantwortlichen in Köln ausgerechnet 2020 die Reißleine? War es das erneute Scheitern von Sebastian Vettel bei Ferrari? Ich glaube schon. Die Vertragsverhandlungen um die Übertragungsrechte der Formel 1 fanden zu einer strategisch extrem ungünstigen Phase statt. Vettel galt als Verlierer im teaminternen Duell mit dem Youngster Charles Leclerq und die Verpflichtung bei einem anderen Topteam musste als höchst unwahrscheinlich angesehen werden. Leider war Vettel gleichzeitig auch der letzte Deutsche im Feld. Würde der ehemalige Weltmeister wirklich bei einem B-Team anheuern? Wäre das für die Fans ein ausreichender Grund, um sich die Rennen überhaupt noch anzuschauen? Würde ich meinen Kopf für einen solchen Deal hinhalten? Hinzu kamen die Wirren der Corona-Pandemie. Alles befand sich im Vagen, als RTL am 22. Juni 2020 bekanntgab, den Rückzug aus der Königsklasse anzutreten. Die Formel 2 hatte zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht begonnen, stand im Übrigen ja sogar in diesem Jahr total zur Disposition. Dumm nur, dass ausgerechnet ein Fahrer mit dem Namenskürzel M. Schumacher in der Formel 2 starten wollte und es dann auch tat. Mick Schumacher steht nun kurz vor dem Gewinn der Formel 2 und hat bereits einen Vertrag beim B-Team Newman/Haas Racing unterschrieben, um 2021 in der Formel 1 loszulegen. BAM! Das Zuschauerinteresse sollte also gebootest werden, selbst wenn der junge Schumacher nie an die Erfolge seines legendären Vaters anknüpfen kann. Damit hat sich RTL selbst in den Fuß geschossen! Für mich hat sich RTL völlig verzockt. 2012 endete in Deutschland die goldene Ära der Formel 1 mit dem endgültigen Abschied von Michael Schumacher. Seitdem hat RTL an der Rennserie festgehalten, obwohl die fetten Jahre vorbei waren. Neben den bereits besprochenen äußeren Schwierigkeiten hat sich RTL im Laufe der Jahre auch jede Menge hausinterne Probleme herangezüchtet. Die komplette Formel 1-Abteilung hätte schon lange runderneuert werden müssen. Von all den tapferen Recken gibt es nur eine Person, der ich persönlich (bis zum Karriereende) die Investition von echtem Herzblut attestieren kann: Kai Ebel. Der Mann aus der Boxengasse wusste zwar manchmal mit seinem äußeren Erscheinungsbild zu unterhalten, lebte und liebte  seinen Job aber mit jeder Faser.  Das absolute Negativbeispiel stellte für mich Florian König dar, dem man sein völliges Desinteresse und Ignoranz nicht nur bei seinen Gesprächen mit Niki Lauda zu oft anmerkte. Das Moderatorenpaar Heiko Waßer und Christian Danner war zu oft ein echtes Ärgernis und wohl auch für viele Zuschauer der Hauptgrund für ein Premiere/Sky-Abo. Auf der einen Seite der scheinbar ewig unwissende Rookie Waßer, der sich mit dem stockkonservativen Ex-Rennfahrer Danner selbstverliebte Gespräche lieferte – während auf der Strecke andere Dinge passierten. Manchmal wurde man dann als Zuschauer Runden später zumindest auf die Geschehnisse hingewiesen, aber eben auch nicht immer. Schlecht war ihr Job nie, aber richtig gut eben auch nicht. Als Zuschauer hat man sich an ihre Marotten irgendwie gewöhnt, zumal man ja dafür wenigstens Live-Rennen geboten bekam… Lange Rede, kurzer Sinn: RTL hätte die komplette Formel 1-Abteilung radikal modernisieren müssen. Schon Schiller hat gesagt: Wer nicht mit der Zeit geht, geht mit der Zeit. Und genau so ist es nun gekommen. Trotz der genannten Umstände bin ich traurig, wenn am Sonntag (dem 11.12.2020) das letzte Formel 1 Rennen auf RTL läuft. Ich habe gefühlt 95% der Übertragungen seit 1991 gesehen. Das sind jetzt verdammte 29 Jahre! Mittlerweile schaue ich die Rennen nicht mehr alleine, sondern mit meinem Sohn. Irgendwie hatte ich geglaubt, dass noch sehr sehr lange tun zu können. Zumindest auf RTL wird das nicht mehr der Fall sein, ein weiteres Kapitel meines Lebens schließt sich. SERVUS TV will die Rennserie im nächsten Jahr (teilweise) im Wechsel mit dem ORF senden, wobei man dann in Deutschland wohl nur jedes zweite Rennen sehen können soll. Das ist natürlich für einen Fan kein haltbarer Zustand, und ich prüfe alle zur Verfügung stehenden Lösungen für dieses Problem. Auch wenn ich hier kritisiert habe und RTL einen historischen Fehler bescheinige, möchte ich an dieser Stelle dennoch vor allem eines tun. Ich will mich bedanken, es war eine tolle Zeit. DANKE an alle Beteiligten, auch an Florian König;-) DANKE!

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