Tag X: Ein Hörbuch zu Halloween (inklusive Transskript)

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Halloween ist für mich etwas ganz Besonderes. In Deutschland steht man dem Fest traditionell eher ablehnend gegenüber. Ich mag die spezielle Stimmung und Atmosphäre des Abends vor Allerheiligen.

Weil ich Halloween mag, gibt es heute auch ein kleines Geschenkchen! Bisher sind ja schon 27 gratis Mikrogeschichten auf Spotify erschienen, jetzt gibt es auch eine “ausgewachsene Kurzgeschichte”: Tag X. Diese Geschichte kannst Du dir gleich hier auf der Website (Navigationsleiste links, Smartphone-Benutzer auf das große Pluszeichen klicken) anhören, oder auf Itunes und Spotify. Ebenso ist die YouTube-Version direkt abrufbar!

Hier geht es direkt zum Hörbuch, das Transskript findest Du unter dem eingebetteten Video. Wenn Ihr mich unterstützen wollt: Teilt die Geschichte bitte gerne. Viel Spaß!

Tag X

Und für alle, die lieber selber lesen, gibt es hier auch den Volltext der Geschichte. Wenn Ihr mich unterstützen wollt: Teilt die Geschichte bitte gerne. Viel Spaß!



Tag X:

Jack Collins sah die Kursteilnehmerin mit gerunzelter Stirn an.

„Also, ich bin ja Vegetarierin. Das Rinderfilet kann ich nicht essen.“

Der Koch nickte. „Dann können wir für Sie doch Polentaschnitten einplanen.“

„Ich mag aber kein Polenta. Wie wäre es anstelle dessen mit Lachs?“, fragte sie entschieden.

Jack legte den Kugelschreiber weg, spürte dabei Unbehagen in sich aufsteigen. „Sie wissen aber schon, dass Lachse auch Augen haben und leben?“

Die Frau errötete leicht. „Ach wissen Sie was? Ich mache einfach eine Ausnahme und wir belassen es doch beim Rinderfilet.“

Anstelle zu antworten, nickte der Koch. Verdammte Wichtigtuerei, dachte er.

Zuletzt folgte noch die Auflistung aller Allergien und Unverträglichkeiten der Seminarteilnehmer. Jack notierte alles penibel, aber es gab keine größeren Überraschungen. Laktose-, Gluten- und Histaminintoleranzen. Dazu einige andere Allergien, aber nichts Dramatisches. Dem nächsten gemeinsamen Kochevent stand also nichts mehr im Wege.

Der Koch bedankte sich und verabschiedete die Teilnehmer. Es war fast 16:00 Uhr, also wurde die Zeit langsam knapp. Er wollte Emily vom Kindergarten abholen, um dann mit ihr einkaufen zu gehen. Seine 5-jährige Prinzessin liebte den Großeinkauf.

Jack schloss den dunkelblauen Ford Mustang auf und setzte sich hinters Lenkrad. Der Motor startete mit einem kräftigen Brummen. Die Fahrt zum Kindergarten führte Jack quer durch die ganze Stadt. Das Verkehrsaufkommen war hoch, aber es kam zu keinem Stau. Eine Ampel sprang um und er stoppte hinter einem Pickup. Hinter ihm hielt ein Kombi und auch die rechte Spur füllte sich mit Fahrzeugen.

Jack hörte die Sirene. Sie näherte sich von hinten. Im letzten Moment sah er den schwarz-weißen Streifenwagen, ehe dieser mit eingeschaltetem Blaulicht auf der Gegenfahrbahn vorbeiraste. Der Koch zuckte unwillkürlich mit den Schultern. Irgendwo passierte eben immer irgendetwas. Kaum hatte er den Gedanken gedacht, hörte er gleich zwei weitere Sirenen. Es war also eine etwas größere Sache.

Ein Polizeimotorrad raste zwischen den Fahrzeugen hindurch, ebenfalls mit eingeschaltetem Blaulicht. Kurz darauf schaltete die Ampel auf Grün. Doch die Fahrzeuge vor Jack bewegten sich um keinen Inch. Er beugte sich etwas zu Seite, dann sah er auch den Grund. Der Motorradpolizist hatte sein Motorrad abgestellt und riegelte die Kreuzung ab.

Da peitschte ein Schuss auf. Durch die Autoscheiben und die Entfernung abgeschwächt, aber ganz unzweifelhaft zu erkennen. Jack fuhr zusammen. „Was zur Hölle?“, dachte er.

Wieder peitschten Schüsse auf. Einmal, zweimal. Eine automatische Waffe dröhnte auf. Jack hielt nichts mehr im Wagen, er trat auf die Straße. Einige andere Fahrer taten es ihm gleich.

„Steigen Sie wieder in ihre Fahrzeuge!“, gellte die Stimme des Motorradpolizisten auf.

Keiner der Fahrer hielt sich daran. Alle wollten wissen, was vorne auf der Kreuzung gespielt wurde. „Was läuft da vorne?“, rief einer der Fahrer.

Bevor der Motorradpolizist antworten konnte, knatterte die Maschinenpistole wieder los. Dieses Mal näher als zuvor. Schreie wurden durch den Wind herüber geweht.

„Scheiße“, dachte Jack. „Das ist gar nicht gut!“

Der Motorradpolizist wirbelte herum. Im gleichen Moment meldete sich auch das Funkgerät, das er an seiner Jacke festgeklemmt hatte. Nervös zog es der Officer ab und sprach etwas ins Mikro. Mit fahrigen Bewegungen wandte er sich seinem Motorrad zu und vermied es, auch nur einen Blick auf die Leute vor sich zu verschwenden. Er klappte den Ständer ein, stieg auf und startete den Motor.  Als er wegfuhr, war sich Jack sicher. Der Polizist war geflohen!


*


Melissa Cooper ging ans Telefon und meldete sich.

„Hier ist das Polizeirevier in der Rose Street. Ganz bei ihnen in der Nähe findet eine Polizeiaktion statt. Bleiben Sie mit den Kindern besser im Gebäude und halten Sie Fenster und Türen geschlossen.“

Die Leiterin des Kindergartens wurde nachdenklich.  „Können Sie uns denn nicht einen Streifenwagen vorbeischicken?“

Die Erzieherin sollte keine Antwort bekommen, der Polizist hatte aufgelegt. Sie drehte sich zu ihrer Kollegin Esther um. „Hol die Kinder rein, es gibt ein Problem.“


*


Adrenalin flutete Jacks Blut. „Verschwinde von hier“, flüsterte eine Stimme in seinem Kopf. Er sah zurück zu seinem Mustang. Der Wagen wurde durch andere Fahrzeuge blockiert. Erneut knatterte die Maschinenpistole. Er spürte die Angst der Menschen, aber da war noch etwas anderes. Dieses andere Gefühl kroch bis in die letzten Winkel seiner Eingeweide. Es war Neugierde.

In seinem Kopf wurde ein Schalter umgelegt. Ehe er wusste, was geschah, bewegte er sich mit der Gruppe aus anderen Fahrern auf die Kreuzung zu. Es dauerte einige Sekunden, bis er verstand, was da gerade mit ihm passierte.  Die Gruppendynamik hatte sein Bewusstsein regelrecht hinweggefegt, und er war zu einem winzigen Rädchen im Kollektiv der Gruppe geworden.

Wie benommen schüttelte er den Kopf. Er hatte sich bereits zwanzig Yards von seinem Wagen entfernt, deshalb hatte er freien Blick auf das, was sich dort vorne abspielte. Zwei regungslose Körper lagen auf der Straße, beide blutüberströmt. Ein einzelner Polizist wurde von fünf Personen umringt. Das war kein Kindergeburtstag, das spürte Jack. Die Kerle gingen den Polizisten an!

Der Uniformierte war bereits verletzt und blutete aus zahlreichen Wunden. Seine Hände hielten eine Maschinenpistole umklammert. Du hast also geschossen.

„Wir müssen dem Cop helfen“, brüllte ein echter Bär von Mann. Es war der Fahrer des Pickups. Als hätte die Gruppe nur darauf gewartet, stürmten die Männer los. Nur Jack blieb aus irgendeinem Grund zurück.

Weshalb ist der Motorrad-Cop abgehauen, ging es ihm durch den Kopf. Während seine Augen die Kreuzung absuchten, hatte die kleine Gruppe beinahe den Cop und die Angreifer erreicht. Wo ist der andere Streifenwagen? Jack hatte definitiv mehrere Polizeifahrzeuge gehört, aber auf der Kreuzung stand nur ein einzelner Streifenwagen. Die Erkenntnis traf ihn wie ein Vorschlaghammer. Die Cops sind abgehauen!

Jetzt passierten zwei Dinge gleichzeitig: Die Angreifer zogen den Ring um den Polizisten enger und die Fahrer erreichten die Kämpfenden.

„Haut ab und bringt euch in Sicherheit“, brüllte der Polizist. Er hob den Lauf seiner MP. Kaltblütig zog er den Stecher durch und gab eine Salve auf den Angreifer ab, der ihm am nächsten war.

Die Schüsse trafen den Kerl in die Brust und rissen ihn von den Beinen. Das war es jedoch nicht, was Jack das Herz in die Hose rutschen ließ. Eine der bisher regungslosen Personen begann sich zu bewegen. Erst war es ein kaum merkliches Zucken, dann begann die Gestalt sich wieder hochzurappeln. Der Koch hatte geglaubt, sie wäre tot gewesen. Anscheinend hatte er sich in diesem Punkt gründlich getäuscht. Der Kerl richtete sich zu seiner vollen Größe auf. Jack erkannte, dass der Typ ebenfalls eine Uniform trug. Also war der Mann ebenfalls ein Polizist, genauso verletzt wie sein Kollege.

Zuerst vermutete Jack, dass die beiden Polizisten vielleicht gemeinsam gegen die Angreifer vorgehen würden. Doch dem war nicht so. Er bekam Gelegenheit, einen Blick auf das Gesicht des zweiten Polizisten zu werfen. Es war völlig ausdruckslos und wirkte regelrecht tot. Schritt für Schritt humpelte er auf den anderen Polizisten zu. Dummerweise drehte der Cop seinem früheren Kollegen den Rücken zu.

Jack traf eine Entscheidung. Dies hier war nicht seine Show. Was immer sich hier abspielte, war absoluter Bockmist. Er musste weg, die anderen Cops waren clever genug gewesen. Also rannte er los, nur weg von diesem monströsen  Schauplatz.

Als er wieder an seinem Wagen ankam, stand eine junge Frau neben einem Minibus. Die Tür stand offen, ein Baby quakte vom Rücksitz aus.

„Was ist denn da vorne los?“, fragte die junge Frau.

„Ach, nichts weiter. Die Polizei löst das Problem gerade“, sagte er betont laut. Jeder der Umstehenden sollte die Ansage hören. Jack musste Emmy abholen. Wenn hier eine Panik ausbrach, war das alles andere als hilfreich. Er musste an seine Tochter denken. Sein Blick fiel auf das Baby im Wagen. „Hauen sie mit ihrem Kind ab, hier wird gleich die Hölle los sein!“


*


Emmy Collins stand am Fenster und sah in den Garten der Kindertagesstätte hinaus. Mr. Eusebius, ihren Bären, hatte sie unter den Arm geklemmt. Der Garten war völlig verwaist, die Kinder und die Erzieher waren alle im Gebäude. Obwohl super Wetter ist, dachte die 5-Jährige mit den blonden Locken. Das Mädchen mochte den Kindergarten nicht besonders. Miss Cooper war zwar super nett, aber Emmy war lieber draußen unterwegs. Gott sei Dank musste sie nicht so häufig in den Kindergarten gehen, meistens hatten ihre Großeltern Zeit für sie.

„Warum dürfen wir nicht raus, Miss Cooper?“, fragte das Mädchen.

Melissa Cooper blickte kurz zu ihrer Kollegin Esther. In der Leiterin des Kindergartens tobte ein Kampf. Sollte sie die Kinder anlügen? In der jungen Frau sträubte sich  etwas dagegen, denn sie hasste Lügen. Sie spürte, dass sich die Blicke der anderen Kinder auf sie richteten. „Die Polizei hat angerufen. Es wird ganz in der Nähe eine Übung durchgeführt, das kann sehr laut werden. Ihr sollt euch ja nicht erschrecken.“

„Sind da auch Hubschrauber im Einsatz?“. Fragte der kleine Billy mit weit aufgerissenen Augen.

Melissa lächelte. „Das kann sehr gut sein, Billy.“ Sie dachte kurz nach. „Wir nehmen die heutige Übung einfach zum Anlass, um Bilder von der Polizei zu malen. Was wollt ihr malen?“

Emmy ging langsam zu ihrem Platz, denn sie wollte jetzt nicht malen. Außerdem war dem Mädchen das Flackern im Blick der Erzieherin aufgefallen. Sie konnte die Emotion von Miss Cooper intuitiv deuten. Wovor hatte die Frau Angst?


*

Jack setzte den Mustang bis fast auf die Stoßstange seines Hintermanns zurück, schlug das Lenkrad voll nach links ein und drückte auf das Gaspedal. Es reichte aber nicht, so kam er nicht aus der Schlange heraus. Er kurbelte das Steuer hart nach rechts, prügelte den Rückwärtsgang rein und setzte schließlich zurück. Aus seinen Augenwinkeln bekam er mit, dass die junge Mutter es ihm mit ihrem Minibus gleichtat. Sie war nur deutlich langsamer.

Bevor die anderen Fahrer es ihm gleichtun konnten, raste er mit dröhnendem Motor auf der Gegenfahrbahn davon. Hektisch plante er gedanklich seine Route. Er war dabei nicht wirklich effizient, denn immer wieder peitschte eine Frage durch sein Bewusstsein: Was ist da gerade passiert?

Jack prügelte den Ford durch enge Nebenstraße. Erst nach gut fünf Minuten registrierte er das mörderische Tempo, mit dem er unterwegs war. Sofort nahm er seinen Fuß vom Gaspedal. Hätte er das nicht gemacht,  wäre es unweigerlich zu einem Unfall gekommen. Ein Fußgänger war direkt vor ihm auf die Straße getreten.

Der Koch reagierte ohne nachzudenken, und trat mit aller Kraft auf  das Bremspedal. Für Sekunden fühlte es sich so an, als würde der Ford Mustang ausbrechen. Doch der Eindruck war schnell vorbei, der Sportwagen kam mit kreischenden Reifen zum Stehen. Das brodelnde Motorengeräusch war für Momente das Einzige, was Jack hörte. Dafür sah er umso mehr. Was immer da vor ihm auf der Straße stand, war definitiv kein Mensch.

Das Ding hatte weißliche Haut. Ein Teil seines Gesichts war blutrot, denn dort klaffte eine Wunde. Ganz zweifelsohne handelte es sich bei der Person um einen Mann, auch wenn die Gestalt fast nichts Menschliches mehr an sich hatte. Zombie, dachte er. Das ist ein verdammter Zombie, dachte er.

Die Kreatur öffnete den Mund und stieß ein schrilles Kreischen aus. Augenblick wimmelte es am Straßenrand nur so von Bewegungen.

Emmy malte lustlos mit den Wachsmalstiften an dem Streifenwagen auf ihrem Zeichenblock. Immer wieder sah sie dabei aus dem Fenster. Die anderen Kinder machten das auch gelegentlich, aber die hofften, am Himmel einen Hubschrauber zu entdecken. Das Mädchen sehnte sich hingegen nur raus an die frische Luft. Deshalb war es auch Emmy, die zuerst die Gestalt entdeckte. Anfänglich war es nur ein Schatten, aber er kam näher und wurde größer. Dabei fiel der 5-Jährigen der seltsam schlurfende Gang auf, mit dem sich die Gestalt dem Metallzaun des Spielbereichs näherte. 

Dann war er da. Es war ein Mann, Emily war sich ganz sicher. Irgendetwas aber nicht mit ihm, denn er stieß immer wieder gegen den Zaun. Das störte ihn scheinbar aber nicht, denn er lief immer wieder dagegen. Der Metallzaun war aber massiv und hielt dem Mann mühelos stand.

Das Mädchen spürte eine warme Hand auf ihrer Schulter, zuckte darunter unwillkürlich zusammen. Sie blickte hoch und sah ins Gesicht von Miss Cooper. Die Erzieherin hatte die Gestalt auch gesehen und schüttelte stumm den Kopf. Schließlich legte sie auch den Zeigefinger an die Lippen.

Emmy nickte, sie hatte verstanden.


*

Die Straße um den Mustang fing an zu brodeln. Sie stolperten aus den Vorgärten, zwischen geparkten Autos und aus den Vorgärten heraus. Die Gestalten schienen überall zu sein. Jack fühlte sich an Basra erinnert. Die Zeit schien langsamer abzulaufen. Er heftete seinen Blick auf die Kreatur vor sich, den Zombie. Doch er hatte sich getäuscht, der Blick des Kerls war nicht leer. Es lag etwas darin: Gier. Pure Fresslust. Als die Kreatur wütend mit der Faust auf die Motorhaube schlug, traf Jack seine Entscheidung und trat das Gaspedal bis zum Bodenblech durch. Der Motor brüllte auf und die stufenlose Automatik brachte den Mustang auf Touren. Die Motorhaube erfasste den Zombie und schleuderte ihn wie einen Spielzeugsoldaten zur Seite. „Was ist das hier für eine Scheiße?”“ brüllte Jack. „Ist das eine verdammte Zombieapokalypse?“

Er steuerte den Wagen wie ein Irrer durch die enge Straße und nutzte die letzte Gelegenheit, um aus der zuschnappenden Falle zu entkommen. Sein Atem ging unregelmäßig, er sog den Sauerstoff förmlich in seine Lungen. Der Koch konnte nur noch an Emmy denken. Er musste schleunigst seine Tochter abholen und dann aus der verdammten Stadt verschwinden.


*


Brian Jackson steuerte den Polizeihubschrauber in einem großen Bogen über die Stadt, während sich Hugh Sonderberg um die Filmaufnahmen kümmerte. Beide Piloten wussten, was sich in der Stadt unter ihnen zusammenbraute.

„Wo kommen diese Bestien plötzlich her?“, fragte der Pilot.

„Es ist, als ob sich die Tore der Hölle geöffnet hätten“, entgegnete der Copilot.

Beide starrten sie auf das, was einmal Menschen gewesen waren und nun die Straßen der Stadt bevölkerte. Brian fühlte sich an die Horrorfilme seiner Jugend erinnert.

In diesem Moment wurde ein eingehender Funkspruch signalisiert. „Skyeye 3, hier Zentrale. Eine Herde unbekannter Größe bewegt sich auf den Flugplatz zu. Landen Sie umgehend auf dem Dach des Polizeipräsidiums. Operation Homerun wurde gestartet.“

Die beiden Polizisten wechselten einen irritierten Blick miteinander.

„Verstanden, Zentrale. Beenden unseren Aufklärungsflug und landen beim Polizeipräsidium“, bestätigte Brian.

„Ich dachte, Operation Homerun wäre nur ein Planspiel“, meinte Sonderberg.

Der Pilot schmunzelte. „Da kennst du unsere Bürokratie aber schlecht. Planspiele sind so lange Planspiele, bis sie real werden.“

Sonderberg schüttelte den Kopf. „Also evakuieren wir jetzt die VIPs und lassen die Bevölkerung in der Stadt krepieren?“

Brian zuckte mit den Schultern. „Das ist der Auftrag, ob es uns gefällt, oder nicht!“


*

Emmy kannte das von Zuhause. Wenn sie zusammen mit ihrem Vater irgendetwas angestellt hatte, dauerte es meist nicht lange, und ihre Mutter wurde darauf aufmerksam. So war es auch heute. Als die zweite und dritte Gestalt am Zaun auftauchte, wurden auch die anderen Kinder aufmerksam.

Melissa Cooper musste jetzt etwas dazu sagen, sonst würde ihr die Situation entgleiten. „Das gehört zu der Übung, Kinder.“ Ihr Blick flackerte minimal, dann hatte sie sich wieder im Griff. „Lasst uns etwas in der Turnhalle spielen, wir malen später weiter!“

Die Kinder standen begeistert von ihren Plätzen auf. Die Turnhalle war wie das gelobte Land für sie. Es gab ein großes Trampolin, Schwungtücher und eine Sprossenwand.

Von der Tür aus drehte sich Melissa zu ihrer Kollegin Esther um. „Lass´ bitte die Jalousien herunter, sonst wird es später so warm hier drin.“

Esther nickte, selbstverständlich hatte sie verstanden. Um diese Zeit stand die Sonne nämlich auf der anderen Seite des Gebäudes. Sie betätigte den Kippschalter und die Jalousien glitten herunter, versperrten den seltsamen Kreaturen den Blick ins Innere des Kindergartens. Die Erzieherin bekam eine Gänsehaut. Ihr wäre es lieber gewesen, wenn sie die Gestalten im Blick behalten hätte. Außerdem fühlte sie fast schon etwas Klaustrophobie ins sich hochsteigen. Sie waren im Kindergarten gefangen. Aber das war gut, solange diese Typen nicht zu ihnen kamen …

*


In Jack wurde etwas umgeschaltet. Der Mustang und er verschmolzen zu einer Einheit. Mensch und Maschine. Gas geben, lenken, bremsen. Einem dieser verdammten Arschlöcher konnte er nicht mehr rechtzeitig ausweichen. Wenn er es versuchen würde, drohte er die Kontrolle über den Wagen zu verlieren. Also gab es nur eine Möglichkeit: Jack trat das Bremspedal durch.

Wenn Du auf ein Wildschwein zurast, nimm kurz vorher den Fuß von der Bremse. Sonst landet das verdammte Schwein auf deinem Schoß, hörte er die Stimme seines alten Fahrlehrers in seinem Kopf. Mr. Tanner war sicher schon einige Jahre tot. Hoffentlich läuft er jetzt nicht auch noch hier irgendwo herum.

Die Schnauze des Fords erfasste den Zombie und schleuderte die Kreatur mit einem dumpfen Knall davon. Jack hatte keinen Sinn dafür. Er dachte nur noch an das, was getan werden musste. In drei Minuten würde er sich rechts halten müssen.

*


Glas splitterte. Die Kinder in der Turnhalle zuckten zusammen. Grunzende Laute waren zu hören. Melissa Cooper wusste, was das zu bedeuten hatte. Hektisch wanderte ihr Blick durch den Raum. Dabei begegnete sie dem Blick der kleinen Emily. Das Mädchen wusste ganz genau, was hier passierte. Doch das war es nicht, was der Leiterin des Kindergartens Angst einjagte. Es war die Abgeklärtheit in den Augen des Kindes. Melissa wurde sich in diesem Moment bewusst, dass sie mehr Angst hatte.  „Wir sollten in den Hauptteil gehen, findest du nicht, Melissa?“, hörte sie die Stimme des Mädchens.

Bevor sie etwas erwidern konnte, lief Emily zum hinteren Ausgang und drehte den steckenden Schlüssel zweimal um, bevor sie ihn abzog. Als sie zurückkam, hämmerten Fäuste gegen die Tür.

Melissa Cooper schürzte die Lippen. „Ihr habt gehört, was Emily vorgeschlagen hat. Sie hat recht“, sagte sie zu den Kindern. „Lasst uns nach vorne gehen!“

*

Dick Travis schob einen neuen Ladestreifen in das Sturmgewehr und lud durch.

„Ist das ihr Ernst, Sergeant?“, fragte der Polizist am Steuer des SUVs.

Travis nickte langsam. „Dieser verdammte Abgeordnete und seine kleine Nutte sind mir egal. Da drin sind aber jede Menge Kinder!“

Der jüngere Polizist zuckte mit seinen Schultern und wendete den Wagen. „Operation Homerun bezieht sich aber nur auf VIPs, nicht auf Kindergartenkinder.“

Travis steckte sich Kautabak in den Mund. Er kaute eine Weile, dann sah er den Fahrer an. „Halt´ einfach die Fresse und mach´, was ich Dir sage!“


*

Es dauerte nicht lange, da begannen Fäuste an die Verbindungstür zu hämmern. „Sie sind auch vorne“, flüsterte Esther ihrer Chefin zu.

Melissa nickte und ging in die schmale Küche, die mit einer Schwingtür abgetrennt war. Als sie zurückkam, hatte sie in jeder Hand ein großes Fleischermesser. Eines davon reichte sie Esther, die sie aus großen Augen ansah.  Die Leiterin des Kindergartens zuckte mit den Schultern. „Du selbst hast es gesagt. Wir sind eingeschlossen. Es wird nicht lange dauern, dann kommen sie zu uns rein.

Wie um die Worte der Erzieherin zu bestätigen, wurde jetzt so stark gegen die Tür gehämmert, dass sogar das Material der Tür zu ächzen begann. Es würde nicht mehr lange dauern. Melissa fasste das Messer so fest, dass ihre Knöchel weißlich unter der Haut hervortraten.

„Kochen wir jetzt etwa?“, fragte der kleine Toby.

Melissa schüttelte stumm den Kopf.

Emily Collins legte den Kopf in den Nacken und sah nach oben. Melissa folgte dem Blick, während unaufhörlich gegen die Tür geschlagen wurde.

Das Dach, ging es Melissa durch den Kopf. Sie lächelte. „Emily, du bist genial!“

Bevor Melissa agieren konnte, heulte draußen eine Sirene auf. Stille trat ein. Dann brach das Inferno los. Zuerst hörte sie das Brüllen eines Sturmgewehrs. Kurze, kontrollierte Feuerstöße. Wer immer das war, er verstand sein Handwerk. Schließlich stimmte auch der dumpfe Knall eines großkalibrigen Revolvers in die Symphonie des Todes ein. Das Inferno dauerte eine gute Minute, dann verstummten alle Geräusche. Nur das Poltern an der Verbindungstür war noch zu hören. Holz knackte vernehmlich, die Unheimlichen würden bald durchbrechen!

Plötzlich klopfte es an der Eingangstür. Es war ein völlig anderes Geräusch als kurz zuvor. Kultivierter, nicht so roh und primitiv. „Hier ist die Polizei. Kommen Sie raus, wir bringen Sie weg von hier!“


*


Jack hatte es geschafft. Er war endlich am Kindergarten angekommen. Doch für eine gefühlte Ewigkeit sah er nur den Streifenwagen mit seinen flackernden Signallichtern und glaubte, zu spät zu sein. Nach einigen bangen Momenten sortierte sein Gehirn die Eindrücke. Er sah die zahlreichen Leichen in der Einfahrt der Einrichtung. Es wirkte so, als hätten die Polizisten einen verdammt guten Job gemacht. Der ältere der beiden Cops trug ein Sturmgewehr. Als er Jack sah, winkte er ihm zu. „Sie haben ein Kind hier?“

Der Koch nickte. „Meine Tochter ist hier!“

„Wir können Sie gemeinsam mit ihrer Tochter zu einem Hubschrauberlandeplatz bringen“, meinte der Cop.

„Wo werden wir hingeflogen?“

Der Polizist zuckte mit den Schultern. „Soweit ich weiß, geht es zu einem Auffanglager außerhalb der Stadt.“

Auffanglager, dachte Jack und schüttelte den Kopf. Seine Frau Jolene war bei ihren Eltern auf einer Ranch. Das war eine Fahrtstrecke von einigen hundert Meilen. Hoffentlich genug Distanz zu dieser verfluchten Stadt, dachte er. Im Zweifelsfall war es mindestens genauso sicher, wie dieses ominöse Auffanglager. Jack hatte etwas gegen Lager…

„Daddy“, hörte er den Schrei von Emily. Momente später rannte das blonde Mädchen auf ihn zu und sprang ihm in die Arme.


*

Es war ein wilder Ritt mit dem Mustang, aber Jack und Emily schafften es aus der Stadt hinaus. Sie fuhren gerade eine Serpentinenstrecke entlang, als Emmy mit dem Finger aus dem Beifahrerfenster deutete. „Sieh mal, Dad!“ Jack sah aus dem Fenster hinaus. Weit unter ihnen befand sich in westlicher Richtung offenbar der Flughafen, von dem der Cop gesprochen hatte. Sie sahen jede Menge Polizeifahrzeuge und Menschen, die in Helikopter stiegen. Es waren große Chinooks des Militärs.

Gerade startete einer der bananenförmigen Helikopter. Aus irgendeinem Grund geriet die Maschine ins Schlingern, sackte nach links weg und verwandelte sich in eine gleißende Miniatursonne. Der Donner der Detonation brauchte einige Sekunden, bis er sie erreichte. Emily seufzte laut auf. „Gut, dass wir zum Oma und Opa auf die Ranch fahren“, sagte das Mädchen leise. Jack nickte. Die Kleine hatte natürlich recht. Keiner der Beiden ahnte jedoch, was für Herausforderungen noch auf sie warteten…

ENDE

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